Elternbildung
„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen
sehr.“
Wilhelm Busch
Wer meint, dass das Leben für Mütter einfacher sei, irrt, und zwar gewaltig.
Erziehung ist so schwierig, wie noch nie zuvor in der Geschichte.
„Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“
Es war Socrates, der berühmte griechische Philosoph, der vor fast 2500 Jahren lebte.
Was hätte er wohl nach der flächendeckenden Einführung des Privatfernsehens gesagt?
Wie hätte Socrates auf Computerspiele, Markenwahn und Internet reagiert?
Jede Zeit hat ihre ganz besonderen Herausforderungen. Für Erzieher, Eltern wie Lehrkräfte, hält die Gegenwart einige besondere Hürden bereit.
fördern - fordern - überfordern -unterfordern
Kaum eine Diskussion wird so kontrovers geführt, wie die "Frühförderdiskussion".
"Ein Kind soll Kind bleiben können"
versus
"How To Multiply Your Baby's Intelligence"
Einige Zeit schlugen zwei Herzen in meiner Brust. Doch ich habe für mich die Lösung gefunden. Ein Kind bleibt dann Kind, wenn es angemessen gefördert und gefordert wird. Es hat ein Recht, auf das spätere Leben angemessen vorbereitet zu werden. Und da sich dieses Leben in den letzten 50 Jahren so stark wie noch nie zuvor in der Geschichte verändert hat, hat es auch ein Recht auf eine verbesserte Version dieser Vorbereitung.
1. Die psychische Reife
Vor jeder inteligenzförderndern Maßnahme hat das Kind das Recht psychisch zu reifen.
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul meint, dass Verwahrlosung, Ignoranz und Desinteresse weniger Schaden an Kinderseelen anrichtet, als jener Narzissmus, der den Nachwuchs glücklich und erfolgreich werden lassen will, um sich dabei selbst als kompetent zu erleben.
Dieses Statement muss einen engagierten Frühförderer zum Denken bringen. Wenn ich auch mit Juul in Vielem nicht übereinstimme, der Frage, ob ich mein Kind förder, um mich selbst zu bestätigen, oder ob ich wirklich nur das Wohl des Kindes im Auge habe, muss ich mich stellen. Frühförderung darf nicht zur Selbstverwirklichung der Eltern verkommen.
"70% der Kinder sind gestört", behauptet der Kinderpsychiater Dr. Michael Winterhoff, Autor des Buches "Warum Kinder Tyrannen werden".
70% ist für unsere Gegend zwar zu hoch angesetzt sein, doch dass Störungen in den letzten Jahren stark zugenommen haben, kann ich aber aus meiner beruflichen Tätigkeit als Lehrer bestätigen. Was mich aber wirklich erschreckt, ist, dass das Störungsbild, das Winterhoff beschreibt, auffallend oft in verschiedenen Abstufungen zutrifft. Kinder und Jugendliche verstehen sich mit einer Selbstverständlichkeit als "Nabel der Welt". Sie haben nicht gelernt, ihre Impulse zu steuern. Winterhoff sieht diese inzwischen gar nicht mehr so kleinen Egoisten auf dem Stand von Dreijährigen. Das tönt hart, in manchen Fällen trifft es aber leider zu.
Partnerschaftliche Erziehung überfordert Kinder
Wenn eine alleinerziehende Mutter mit ihrem Fünfjährigen Sprössling Rat hält, ob sie nun den Job wechseln soll oder nicht, ist dies eine krasse Überforderung. Überhaupt verlangt das Sicherheitsbedürfnis von Kindern, dass die Eltern stark genug sind, die überlebensnotwendigen Fragen des Lebens eigenständig zu klären. Ein Kind soll Kind bleiben können. Auch viele anderen Fragen des täglichen Lebens überfordern ein Kind. Natürlich muss sich die Beziehung zwischen Eltern und Kind mit zunehmendem Alter immer mehr zu einem partnerschaftlichen Miteinander entwickeln. Im Volksschulalter hat aber Partnerschaft in der Erziehungsbeziehung zum Kind nichts zu suchen.
Nächster Fehler: Eltern wollen von ihren Kindern geliebt werden
Es ist ganz normal, dass Kinder ihre Eltern lieben. Dazu bedarf es keiner besoderer Anstrengung von der Elternseite. Wenn aber Eltern unbedingt geliebt werden wollen, dies kommt heute leider oft vor, verlieren sie ihre Elternposition. Es kommt zu einer Machtumkehr. Wie in einer ungesunden Beziehung in der der eine Partner alles tut um vom anderen Partner geliebt zu werden, entwickeln sich Kinder in einem solchen Umfeld zu Tyrannen. Dafür können sie nichts. Als Kleinkinder erleben sie die Welt in einer Weise, dass sie nur zu schreien brauchen und schon rennt die ganze Welt. Für das erste Lebensjahr ist das auch richtig so. Ab 12 Monaten aber muss ein Kind langsam lernen, dass es nicht der alleinige Dirigent von Mutter und Vater ist. Früher hat es einmal geheissen, dass, wenn Erwachsene reden, ein Kind zu schweigen hat. Heute empfinden es manche Eltern als Affront, wenn die Schar der Gäste nicht schlagartig verstummt, wenn ein Sprössling sich zu Wort melden will. Wen wundert es, dass Kinder in einem solchen Umfeld auf dem Entwicklungsstand von Dreijährigen verharren. Nein sagen und Grenzen setzen gehören unbedingt zur psychischen Reifeentwicklung eines Kindes dazu, benso die Fähigkeit, die eigenen Impulse zu kontrollieren und die Befriedigung eines Bedürfnisses auch einmal aufschieben zu können.
Freiarbeit in Grundschulen - ja, aber....
Es ist geradezu paradox. In Primar- und Volksschulen hat die Freiarbeit schon vor Jahren Einzug gehalten. In Sekundarschulen, wo sie der Entwicklung eines MNenschen entsprechend eigentlich hingehören würde, findet man sie nur selten. Viele Volksschüler sind ob der Fülle von Wahlmöglichkeiten überfordert und anschliessend auch frustriert. Hier wäre eine stärkere Anleitung durch Lehrpersonen wünschenswert. Ähnlich verhält es sich in der Erziehung. Die völlig frei Wahl der sonntagnachmittäglichen Beschäftigung überfordert und führt oft zur sichersten Verlegenheitslösung - dem Fernseher. Zwei oder drei wohweislich Ausgewählte Möglichkeiten lassen zwar immer noch eine Wahlmöglichkeit zu, schützen aber vor Überforderung und vor der Flucht vor den Fernseher.
Wird bald fortgesetzt!